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Kleber in der Videothek
Vor der Praxis nahm ich erst mal einen kräftigen Schluck aus der Wodkaflasche. ‚So ein Scheißtag’, dachte ich bei mir und war drauf und dran einfach den Gang aufs heimische Sofa anzutreten. Doch dann erwachte mein Kampfgeist. ‚Ich lass mich doch von so ner kleinen Hodenprellung nicht unterkriegen. Ich gehe jetzt erst noch mal in die Videothek’, nahm ich mich zusammen. Den ein oder anderen Sex- oder Gewaltstreifen gab es da noch, den ich noch nicht gesehen hatte. Das wollte ich ändern. Wobei Sex? Auuu! Gewalt? Eyeyeyey! Naja, mal sehen was die da sonst noch im Angebot haben, wo sich mir nicht die Hoden im Hals zusammenziehen.
Ich spazierte also in die Video-Oase und ging wie ferngesteuert erst mal in die Pornokammer. Schon die ersten Titel die ich dort sah – „Dicke Hoden in Bad Soden und Glockengeläut im Mädcheninternat - ließen mich auf dem Absatz wieder kehrt machen. So weit war ich wohl noch nicht wieder hergestellt. Als ich aus der Pornokammer wieder in den Normalo-Bereich spazierte, traute ich meinen Augen und Ohren nicht. „Hände hoch das ist Überfall. Ich will die Geld und die Pornofilme mit Gina Wild und die mit Dolly Buster au noch! Und mach net so lahm, Alder!“ ‚So viel Dummheit schlug doch wohl mal wieder dem Fass den Boden aus! Bewaffneter Raubüberfall wegen Tittenfilmen! ‚Du Depp’, stieg die Wut schlagartig in mir hoch. Aber noch freundlich fragte ich den Räuber, der sehr gut zu erkennen war, unter einer kleinen Sonnenbrille und einer viel zu kleinen Wollmütze: „Junger Mann, Sie sehen schon, dass ich hier der einzige Kunde bin und dass Herr Eifler, der Besitzer, dem Sie so freundlich die Waffe an den Kopf halten, sehr billig gekleidet ist“? „Alder, was willst du? Isch knall disch ab, wenn du net die Frese hältst“, sagte der Räuber in sympathisch südländischem Akzent. „Worauf ich Sie hinweisen möchte, lieber Herr Dieb ist, dass hier sicher nicht viel zu holen ist an Bargeld. Und ob die abgenudelten Pornostreifen mit Frau Wild und Frau Buster einen bewaffneten Raubüberfall mit etwa fünf Jahren anschließendem Gefängnisaufenthalt rechtfertigen, scheint mir eher zweifelhaft zu sein. Verstehen Sie“? Doch der entgeisterte Blick des etwa 20 Jahre alten Mannes zeigte mir deutlich, dass in dem Kopf kein nennenswert funktionstüchtiges Gehirn beheimatet sein konnte. Und tatsächlich: Ich konnte gerade noch sehen, wie der junge Mann mit seinem Revolver kräftig ausholte...
Als ich wieder zu mir kam, war die Polizei bereits vor Ort und über mich beugte sich ein Rettungssanitäter: „Hören Sie mich? Bewegen Sie irgendein Körperglied wenn Sie mich hören können“, fand er gleich die richtigen Worte mich an meinen schmerzenden Genitalbereich zu erinnern. „Wenn ich heute mein Glied bewegen müsste, würde ich definitiv sterben, Sie unsensibler Sadist“, fand ich trotz blutender Kopfwunde und lila-bläulich-gefärbter Hoden gleich den adäquaten Tonfall für diesen Möchtegern-Samariter. „Machen Sie irgendwas, damit mein Kopf nicht mehr blutet. Dann geh ich nach Hause. Die nötigen Schmerzmittel befinden sich in meiner Plastiktüte“, zeigte ich auf meine Alksammlung. „Oh Nein Meister! Ich kann Sie unmöglich gehen lassen. Mit Sicherheit haben Sie eine Gehirnerschütterung. Wir müssen Sie zur Beobachtung erst mal ins Krankenhaus fahren“. ‚Renitente, penetrante Sanitäter-Schwuchtel’ dachte ich. Aber da ich wusste, dass Höflichkeit eher zum Erfolg führt, sagte ich: „ Lecken Sie mich, wo immer Sie wollen. Ich gehe in kein Krankenhaus! Ratzfatz werden mir da die Organe entnommen und an reiche Russen weiterverhökert. Ich kenn euch Brüder doch“, sagte ich und rappelte mich mühsam hoch.
Ich sah mich um und konnte gerade noch sehen wie der Plastiksack mit dem offenbar erschossenen Videothekenbesitzer luftdicht verschlossen wurde. „Und der Täter“, fragte ich bedauernd einen rumstehenden Polizisten, „habt ihr den Dummkopf schon erwischt“? „Den haben wir erwischt und zwar richtig! Der ist direkt vor einen anrasenden Mannschaftswagen geflüchtet. Seine verrutschte Wollmütze hat ihm wohl die Sicht genommen“, berichtete der Mann in grün. „Und was ist mit ihm“, galt meine Anteilnahme nun dem hirnlosen Täter. „Wenn er Glück hat, hat er nicht überlebt“, sagte der Polizist und bei der Erinnerung an die offenbar unappetitliche Szene mit Täter und Mannschafts-wagen, legte er einen ordentlichen Gesichtsspagat hin.
Nachdem ich meine Personalien hinterlassen und den Sanitäter nochmals zurecht gewiesen hatte, ging ich nun endlich nach Hause. Irgendwie war heute doch der Wurm drin in meinen Tagesaktivitäten. Im Rausgehen habe ich meine Plastiktüte dann noch mit Videofilmen aufgefüllt. Vermissen würde die Herr Eifler jedenfalls sicher nicht mehr. Und ich konnte mich auf einen gemütlichen Videoabend mit Wodka, Tequila und Bier freuen...
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