Text: Florian Reiter


Kleber - Ein Montag eben

Kleber im Supermarkt

Jetzt hatte ich aber erst mal so richtig die Schnauze voll von allem. Also ging ich – wie üblich in solchen Situationen – erst mal in den Supermarkt um die Ecke, um mich mit ausreichend Alkoholika zu versorgen. Nachdem ich mir ne Flasche Wodka und ein Sixpack Bier in den Wagen gelegt hatte, fiel mir ein, dass ich noch Fleisch brauchte und ging zum marktinternen Metzger. Und wer stand da in der Schlange? Gabi Lohmann von Gegenüber. Gabi führte ein Doppelleben. Tagsüber war sie Hausfrau und Mutter aber mindestens zwei Nächte die Woche ging sie flott anschaffen. Das wusste ich, weil ich ab und zu das Etablissement besuchte, in dem sie die Beine breit machte. Das sollte man natürlich hier in der Nachbarschaft nicht wissen. Aber konnte ich wissen, dass das niemand wissen darf? Nein eigentlich nicht: „Mensch Gabi, leichtes Mädchen. Du hier und nicht im Lovehouse? Wann arbeitest du denn mal wieder dort? Du musst mir unbedingt mal wieder einen Blasen!“

Nach Erzählungen der Metzgereifachverkäuferin muss ich so etwa zwei Minuten lang weggetreten gewesen sein. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich immer noch den Eindruck, dass meine Hoden etwa in Kinnhöhe waren und dort in einer Schraubzwinge steckten. Gabi hatte mir Vollspann in die Weichteile getreten. Und was ich bis dahin nicht wusste – ihr Hobby war Fußballspielen und sie war in der Damenliga für ihren Mordsschuss berühmt. Das konnte ich ab jetzt bestätigen. So hatte mir noch nie jemand in die Eier getreten! Und komischerweise hatte es schon mehrfach Versuche in dieser Richtung gegeben. Scheiße, hat das weh getan!

Auf meinem beschwerlichen Weg zur Kasse, nahm ich noch eine Flasche braunen Tequila mit. Gestützt auf den Einkaufswagen und mit schmerzverzerrtem Gesicht zogen sich die circa 50 Meter bis zu Kasse wie eine Ewigkeit. Unterwegs dachte ich kurz – in etwa in Höhe der Gemüseabteilung – dass ich den Tod gesehen hätte. Aber bei genauerem Hinsehen entpuppte sich der Sensemann als Herr Müller, ein Versicherungsvertreter aus der Gegend. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass der Mann einen schwarzen Anzug anhatte. Was war das bloß für ein Versicherungsheini? Waren alle seine blauen Anzüge und seine gelben geschmacklosen Krawatten zeitgleich in der Reinigung? Gerade als ich ihn das fragen wollte, war er schon wieder weg. Ich war wohl einfach noch zu langsam nach dem Missgeschick mit Gabi L..

An der Kasse konnte ich dann endlich mein ganzes Kleingeld loswerden, das sich im Laufe der letzten Monate in meiner Kleingeldschublade angesammelt hatte. Mit einem freundlichen „Kleinvieh macht schließlich auch Mist“, donnerte ich die etwa zwei Pfund Kleingeld auf das Förderband. Hinter mir hörte ich mehrstimmiges Gestöhne. Verwundert drehte ich mich daraufhin um. Lauter hässliche und dumme Fratzen, die irgendwie genervt aussahen, weil ich mit Kleingeld bezahlte. „Wäre es Ihnen lieber gewesen, ich hätte nicht bezahlt oder was soll ich aus Ihrem Gestöhne schließen“, fragte ich versöhnlich. Komischerweise erhielt ich keine Antwort. „Was glauben Sie wann Sie mit Bezahlen dran gewesen wären, wenn ich nicht bezahlt hätte, Frauuu“, ich schaute auf das Namensschild der Verkäuferin, die irgendwie unzufrieden aussah, während sie das Kleingeld zählte, „wenn also Frau Mosler hier erst mal hinter mir hätte herrennen müssen, mich gemeinsam mit dem Marktleiter hätte dingfest machen müssen, um dann auch noch auf das Eintreffen der Polizei zu warten, dann hätten Sie aber wirklich lange warten müssen“. Und da ich jetzt richtig sauer auf die Stöhnkolonne hinter mir war, wollte ich Frau Mosler noch mal von vorne anfangen lassen mit dem Zählen. „Sagen Sie Frau Mosler, wie spät ist es denn eigentlich“, und ich griff ihr an den beuhrten Arm. Natürlich hatte ich mein Ziel erreicht. Frau Mosler war rausgekommen. „Na Frau Mosler, kriege ich noch Geld zurück“, wollte ich allmählich wieder gut gelaunt wissen.

Hinter mir hörte ich Sachen wie „die Frau hätte noch mal zutreten sollen“, „Arschloch“, „Querulant“, „Abschaum“ und Ähnliches. Irgendwie taten mir meine Innereien nur noch halb so weh, so zufrieden war ich mit mir. Und nach einigen Minuten missmutigen Geldzählens bekam ich von Verkäuferin Mosler sogar noch etwas Kleingeld wieder zurück. So schön kann einkaufen sein!

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