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Kleber auf dem Amt
Und was erwartete mich da? Auch wieder mal nix als Verdruss. Ich hatte meinen Termin schließlich um 14 Uhr und nicht um 15:30! Und DIE können sich ja wohl nicht beschweren nur weil ICH 20 Minuten zu spät kam. Sollen die doch froh sein! Da hätten die doch glatt 20 Minuten länger Pause machen können! Jedenfalls hatte ich dann nach einer Stunde warten die Schnauze so richtig voll. Ich ging auf die Besuchertoilette und machte Zielpissen. So viel wie möglich in den Klobürstenständer zu schiffen, war der Sinn des Spiels. Das da immer ein bisschen was daneben geht, versteht sich wohl von selbst. Aber irgendwo musste ich meinen Ärger ja los werden. Und Zielpissen ist für mich ein richtig gutes Ventil. Die letzte viertel Stunde Warten verbrachte ich wesentlich entspannter, als die erste Stunde.
Immer noch gut gelaunt ging ich ins Büro, als meine Nummer auf dem Wartedisplay erschien. Meine Sachbearbeiterin, Ingrid Schwans, sah heute wieder so richtig zum Kotzen aus. Sie war etwa Mitte 40, klein und gedrungen. Auf ihrer zu großen Nase saß eine zu große Brille, die ihre zu kleinen Augen fies und niederträchtig erscheinen ließen. Sie bestand bei ihrem Nachnamen immer auf dem langen a. Deshalb begrüßte ich sie gleich mit einem extrem kurzen und einem eindeutig hörbaren z am Ende: „Moin Frau Schwanz“, womit ich sie natürlich wieder aus der Reserve locken konnte. „Schwaaaans ist der Name! Wie der wunderschöne Wasservogel mit s am Ende, Herr Kleber. Nehmen Sie doch bitte dort Platz“.
‚Wie der wunderschöne...’ Dass ich nicht kotze! Wunderschön und Frau Schwanz? Das passte einfach nicht! Und um Frau Schwanz gleich noch zu zeigen, das ich kein Hund bin, der Platz macht, wenn man es ihm sagt, antwortete ich: „Danke, ich stehe lieber. Wer sitzt schwitzt, sage ich immer Frau Schwanz. Warum haben Sie mich denn herzitiert? Gibt es erfreuliche neue Gelder und Zuschüsse, die Sie mir vorstellen möchten oder haben Sie einen Tipp, wie ich mein Vermögen gewinnbringend anlegen kann“, fragte ich freundlich und hatte damit den Infight eröffnet. Frau Schwanz wusste oder ahnte zumindest, dass ich über Gelder verfügte, die ihr nicht bekannt waren. Und deshalb musste ich mir sämtliche Sozialleistungen hart erkämpfen. Aber ich kannte meine Rechte... Also die Rechte, die ich haben würde, wenn ich nicht eine größere Summe Bargeld geerbt hätte. Und da ich trotz der Schwarzkohlen nix zu verschenken hatte, kämpfte ich mit Frau Schwanz um jeden Cent Kleidergeld, die neue Waschmaschine oder das neue Federkernbett.
„Herr Kleber, heute habe ich Ihnen eine erfreuliche Mitteilung zu machen“, und ich hörte bereits am Tonfall der Schwanz, dass jetzt etwas Unerfreuliches für mich kommen würde. Und ich hatte Recht: „Wir haben eine Arbeit für Sie!“ ‚So eine Scheiße! Jetzt hat sie dich am Sack’, dachte ich und feilte bereits an einer Abwehrstrategie. „Und nicht irgendeine Arbeit“, ‚Ja was? Was hast du für mich, du fette Ziege? „Es handelt sich um eine Tätigkeit, die Sie an der frischen Luft ausüben können,“ führte sie genussvoll aus. „Spargel stechen auf einem Bauernhof in der Wetterau ist die verantwortungsvolle Aufgabe, die wir für Sie finden konnten. Kein Sitzen, aber trotzdem Schwitzen heißt das Motto der Tätigkeit“, grinste Frau Schwanz mich an.
„Danke Frau Schwanz, dass Sie sich so rührend und aufopferungsvoll um meine Karriere bemühen. Und sicher wird mir mein abgeschlossenes Grundstudium in Geschichte und Germanistik ungemein helfen bei der Ausübung dieser Tätigkeit. Allerdings werde ich meinen Arzt fragen müssen, ob der mir die Erlaubnis gibt, diesem Traumjob nachzugehen“, und an den ängstlichen Augen meiner Sozialmatrone sah ich, dass ich wohl auf dem richtigen Weg war das Elend abzuwenden.
„Aber Herr Kleber. Sicher wird Ihnen nach vier Jahren der Beschäftigungslosigkeit diese Arbeit gut tun. Sie glauben ja gar nicht, wie befriedigend es abends ist, geschafft von der Arbeit nach Hause zu kommen und einfach mal die Füße hoch zu legen. Und glauben Sie mir: geschafft werden Sie sein“, hoffte mein Gegenüber. „Entschuldigung! Sie meinten fünf Jahre Nichtstun. So korrekt wollen wir doch bleiben Frau Schwanz. Meine letzte Kündigung wegen Eigenmächtigkeit vor dem Vorgesetzten habe ich 1998 erhalten. Genau am 12. April ´98“.
Die Unterhaltung flachte nun zusehends ab und ich sah zu, dass ich Land gewann. Beim Gehen konnte ich mir eine kleine spitze Bemerkung nicht verkneifen – das liegt eben in meinem Naturell: „Danke noch mal Frau Schwanz, für Ihren unermüdlichen Einsatz für mich und mein Wohlergehen. Und grüßen Sie Herrn Schwanz recht herzlich“, sagte ich, obwohl ich natürlich wusste, dass der arme Herr Schwans schon vor einem Jahr das Zeitliche gesegnet hatte. Und wer wollte es ihm verdenken? Jeden morgen aufwachen und als erstes olle Frau Schwanz sehen und das schlimmstenfalls noch nackt? Ohje, ich merkte wie sich Brechreiz einstellte und versuchte krampfhaft an etwas Schönes zu denken. Die aktuelle Playmate des Monats - Shirley – nackt. Jawoll! Es half. Ich stellte mir ihre leckeren kaffeebraunen Brüste vor, ihren knackigen Hintern... „Sie sind so eine Zumutung Herr Kleber“, antwortete Frau Schwanz sichtlich angeschlagen. „Sie wissen doch, dass mein Mann leider viel zu früh von mir gegangen ist. Also melden Sie sich nächste Woche bei Bauer Pölzke unter der angegebenen Telefonnummer. Ihr Job geht dann am 15. April des Jahres los. Ich drücke Ihnen die Daumen“, versuchte sie sich wenigstens ein wenig an mir zu rächen. Aber auch diese Genugtuung wollte ich ihr nicht gönnen und erwiderte: „Mal sehen, ob mein Arzt mir die Erlaubnis für diesen tollen Job geben kann. Schließlich bin ich ja schon bald 40 Jahre alt und habe schreckliche Kreuzschmerzen ab und zu. Besonders beim Spargelstechen werde ich die wohl bekommen. Wie dem auch sei. Meine Empfehlung zu Hause und bis hoffentlich bald mal wieder“.
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